Teilverlust des Daumens - trotzdem vollständige Funktionsunfähigkeit im Rahmen der privaten Unfallversicherung

LG Münster 10.06.2013 - Aktenzeichen 115 O 106/12

Das nachfolgende Urteil zeigt, dass es sich oft lohnt, ablehnende Entscheidungen Ihres Versicherers nicht einfach so hinzunehmen sondern rechtlich überprüfen zu lassen.

Was war passiert?

Die Klägerin war Versicherungsnehmerin einer privaten Unfallversicherung, in der ihr Ehemann mitversichert war. Die vereinbarte Versicherungssumme betrug 30.000 EUR, der Mindestinvaliditätsgrad 20%. Laut den der Versicherung zugrunde liegenden Allgemeinen Unfallversicherungsbedingungen war bei Verlust oder völliger Funktionsunfähigkeit eines Daumens ein Invaliditätsgrad von 20% festgelegt.

Der Ehemann der Klägerin rutschte beim Sägen von Holz ab und geriet mit der Hand in das Sägeblatt der Kreissäge. Das Endglied des Daumens musste amputiert werden. Der Vorfall wurde dem privaten Unfallversicherer gemeldet, dieser lehnte allerdings eine Zahlung ab mit der Begründung, es liege nur eine teilweise Funktionsbeeinträchtigung vor, der Mindestinvaliditätsgrad von 20% sei nicht erreicht.

Die Nachfrage beim Ehemann der Klägerin, zu was er denn seinen Daumen noch gebrauchen könne, ergab: seinen Daumen konnte er überhaupt nicht nutzen weil durch die Amputation und damit verbundene Durchtrennung der Nerven der Daumen extrem berührungsempfindlich geworden war. Diese Berührungsempfindlichkeit veranlasste den Kläger sogar, ständig eine Lederkappe über dem Daumen zu tragen, um Berührungen zu verhindern.

Das Landgericht Münster hat der anschließenden Klage gegen den Unfallversicherer stattgegeben. Aus den Entscheidungsgründen:

[...] Der Sachverständige hat jedoch überdies bei der Überprüfung der Sensibilität eine erhebliche schmerzhafte Berührungsempfindlichkeit im Bereich der Stumpfkuppe des linken Daumens festgestellt mit einem im Vergleich zum unverletzten rechten Daumen deutlich geminderten Hornhautrelief. Diese Minderung des Hornhautreliefs hat der Sachverständige als Bestätigung der von dem Versicherten geklagten schmerzhaften Berührungsempfindlichkeit gewertet, die den Versicherten auch dazu veranlasst habe, die selbst angefertigte Lederkappe über dem Daumenstumpf nahezu ständig zu tragen. Trotz erhaltenem Daumengrundglied ist nach Bewertung des Sachverständigen von einer letztendlich vollständigen Funktionsunfähigkeit des Daumenstumpfes auszugehen, weil die geringgradige Restfunktion des Daumenstumpfes wegen einer schmerzhaften Neurombildung im Kuppenbereich nachvollziehbar kaum eingesetzt werde. [...]

Durch die vom Sachverständigen festgestellte völlige Funktionsunfähigkeit des Daumens wurde der vertraglich vereinbarte Mindestinvaliditätsgrad von 20% erreicht. Die verklagte Versicherung wurde verurteilt, dem Ehemann der Klägerin die Invaliditätsleistung zu zahlen.